
Ein kleines Stückchen Seligkeit
»Gar keine schlechte Idee. Ich habe jedenfalls einen«, sagte sie und zeigte vage auf den Klebesticker auf ihrem Overall, auf dem in roten Großbuchstaben BARBARA stand. Bevor Neil auch nur Luft holen konnte, hatte sie einen Filzstift gezückt und pappte ihm ein Etikett mit der Aufschrift NEIL auf das Revers seiner Jacke.
»Okay, können Sie Tee kochen? Normalerweise ist Jan fürs Tee Kochen zuständig, aber sie ist schwanger und hat heute einen Vorsorgetermin. Das Wasser kocht bestimmt gleich. Becher sind im obersten Regal im Schrank, Zucker und Kekse im unteren – ach ja, und könnten Sie bitte noch Milch einkaufen? Holen sie vier Packungen Vollmilch für die Kinder, und für die Erwachsenen brauchen wir dann noch einen Liter fettarme. Und bringen Sie doch bitte auch noch ein paar einfache Butterkekse mit. Also wirklich, Daniel, ich hab dir doch vorhin schon gesagt, dass du das lassen sollst! Gib Kylie sofort die Puppe zurück! Wo sind denn ihre Kleider? Warum hast du der Puppe denn die Kleider ausgezogen? Ihr wird doch ganz kalt …«
Und dann war Barbara auch schon wieder weg, einfach zur Tür hinaus und verschwunden in einem Gewusel von kleinen Menschen und Lärm.
Drei Stunden später war Neil zu der Entscheidung gelangt, niemals eigene Kinder zu haben. Vielleicht lag es daran, dass er selbst ein Einzelkind war, aber die furchterregende Vorstellung, für eines dieser fordernden, unvernünftigen, bedürftigen kleinen Geschöpfe verantwortlich zu sein war zu erschreckend, um sie ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Aber es gab natürlich auch Ausnahmen. So hatte er zum Beispiel einen kleinen Engel mit einer Mähne goldener Locken ins Herz geschlossen, der ihm auf den Schoß geklettert war, während er mit einer der Mütter ins Gespräch vertieft gewesen war. Die Kleine hatte ihren Daumen in den Mund gesteckt und war dann auf der Stelle eingeschlafen.
»Das ist Chloe«, erklärte Barbara, als sie ihm das schlafende Kind abnahm und es mit zärtlichem Blick betrachtete.
»Ihr Vater hat die Familie verlassen, und die Mutter kommt nicht besonders gut damit zurecht. Ich glaube, Chloe fehlt die Vaterfigur sehr. Sie müssen wohl irgendwie zuverlässig und tröstlich wirken …«, sagte Barbara und musterte ihn mit kritischem Blick, »… jedenfalls für Chloe. Ach du liebe Güte, ich habe ja völlig die Zeit vergessen! Die Mütter werden jeden Moment da sein und ihre Kleinen abholen. Würden Sie bitte Debbie helfen, den Sandkasten einzuräumen und die Fingerfarben wieder einzupacken, seien Sie so lieb, ja?«
Als Neil schließlich gehen durfte, verabschiedete er sich mit einem lauten »Auf Wiedersehen« von all den Mitarbeiterinnen, die er kennengelernt hatte, und ging durch die Eingangshalle, in der die Hektik beim Umziehen der Kinder gerade ein wenig abzuebben begann, zurück zum Seiteneingang. Doch dann schweifte sein Blick in die nächstgelegene Ecke der Halle, wo eine Mutter sich mit ihm zugewandten Rücken nach vorn beugte, um ihrem Sohn die Stiefel zu schließen und ihm ihre recht ansehnliche in Jeans gekleidete Hinterseite präsentierte. Er merkte selbst gar nicht, dass er hinstarrte, bis die Erscheinung sich aufrichtete und zurückstarrte, und zwar mit wütenden grünen Augen.
»Versuchen Sie gerade, die Tür zu finden?«, fragte sie ihn kühl. »Die ist gleich da drüben. Wenn Sie Hilfe brauchen beim Aufmachen, sagen Sie mir einfach Bescheid.«
»Ich wollte Ihnen eigentlich nur kurz hallo sagen …«
Die ganze Situation war ihm so peinlich, dass sich ihm die Zehennägel hochkrempelten und er vom Hals aufwärts krebsrot anlief.
»Aber das sagt man doch eigentlich eher von vorne, ins Gesicht, finden Sie nicht?«
»Natürlich«, sagte Neil und ging mit großen Schritten zu ihr hinüber, um ihr die Hand zu geben. »Wir sind uns ja schon auf dem Friedhof begegnet, aber anscheinend haben wir uns auf dem falschen Fuß erwischt, was? Ich bin Neil Fisher, der neue Vikar.«
»Ich weiß schon, wer Sie sind«, sagte sie und musterte ihn von oben bis unten, als wolle sie entscheiden, ob er es wert war, sich überhaupt mit ihm zu befassen. Was dann anscheinend nicht der Fall war, denn ohne ein weiteres Wort lächelte sie hinunter zu dem kleinen Jungen, nahm ihn bei der Hand, ging mit ihm hinaus und machte die Tür ganz fest von außen zu. Die Hand immer noch zur Begrüßung ausgestreckt, stand Neil einen Moment lang völlig perplex da, bevor er die Hand in die Tasche steckte und auf dem Absatz kehrtmachte, um die Eingangshalle durch die Tür zu verlassen, die er an der Vorderseite des Gebäudes zu finden hoffte. Ehrlich gesagt wäre ihm in diesem Moment jede Tür recht gewesen, außer der, die ihm gerade vor der Nase zugeschlagen worden war.
***
Als er am Ende seines ersten Arbeitstages als Vikar endlich den Schlüssel im Schloss der Haustür des Hauses Nummer 96 umdrehte, herrschte in seinem Kopf ein großes Wirrwarr von Dingen, an die er sich erinnern musste und wollte, und solcher, die er am liebsten sofort vergessen hätte.
War es ein guter Einstand gewesen? In mancherlei Hinsicht schon, allerdings mit einer erheblichen Ausnahme …
Hatte es ihm Spaß gemacht? Insgesamt auf jeden Fall – aber war er wirklich für diese Art von Aufgabe geschaffen?
Mit einem Seufzer erhaschte er im Flurspiegel einen kurzen Blick auf sein eigenes Spiegelbild. Auf jeden Fall sah er für seinen Beruf gut gerüstet aus – ordentlich in Hemd und schwarzem Jackett, das einen starken Kontrast zu dem strahlenden Weiß seines Priesterkragens darstellte. Aber nur richtig auszusehen genügte ja nicht. Wie lange es wohl dauern würde, bis er sich in seiner neuen Rolle sicher fühlte? War er wirklich der Typ Mensch, der anderen im Auf und Ab ihres Lebens und Glaubens beistehen konnte? War das wirklich möglich, wenn er daran dachte, wie er sich an diesem Tag ein paar Mal unglaublich hilflos gefühlt hatte – und wie er bei der geringsten Aufregung oder Verlegenheit tief errötet war. Er war immerhin fünfundzwanzig Jahre alt, hatte aber an diesem Tag Situationen erlebt, in denen er sich wie ein völlig ahnungsloses Kind gefühlt hatte.
Er musste sich zusammenreißen. Dies war schließlich erst sein erster Tag gewesen. Ganz plötzlich machte er kehrt und rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Er brauchte keine zwei Minuten, um sich umzuziehen und in Jeans und Sweatshirt wieder die Treppe hinunterzukommen. Er war bis jetzt noch nicht dazu gekommen, Lebensmittel einzukaufen, sodass das, was sich zu einem Abendessen hätte verarbeiten lassen, eher dürftig war, und aus Erfahrung wusste er, dass Angst und Stress immer Heißhunger bei ihm auslösten. Essen! Ja, das brauchte er, und zwar etwas Warmes, nicht von ihm selbst Zubereitetes. Es wurde Zeit, sich in Dunbridge einzuleben – und damit würde er jetzt im nächstgelegenen Pub bei einem guten Stammessen anfangen. Ihm waren in der alten Marktstadt einige Pubs aufgefallen, von denen ein paar mit hausgemachtem Ale warben, das er gern probieren wollte. Wenn es einen Ort gab, wo man als Zugezogener Kontakte mit Ortsansässigen knüpfen konnte, dann im vollsten Pub der Stadt.
In Dunbridge hieß dieser Pub »Zur Weizengarbe« und lag etwas abseits in einer Gasse, die vom Marktplatz abzweigte. Ein Blick auf die Liste von Gerichten auf der Tafel vor der Tür machte die Wahl einfach. Bratwürstchen und Kartoffelbrei! Schon bei dem Gedanken daran lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Nachdem er den Pub betreten hatte, zauberte ihm die Anzahl der verschiedenen Biere auf den Etiketten der Zapfhähne ein Lächeln ins Gesicht. Wenn der Kartoffelbrei nicht klumpig war und die Soße halbwegs anständig, dann konnte die »Weizengarbe« durchaus sein Stammlokal werden.
»Einmal Bratwürstchen mit Kartoffelbrei bitte«, sagte Neil zu dem Barmann, der kam, um seine Bestellung aufzunehmen. »Und ein großes Bishops Finger zum Runterspülen.«
»Wussten Sie«, sagte ein Mann, der auf die Bar gestützt neben ihm stand, »dass dieses Bier nur freitags gebraut werden darf?«
»Wirklich?« Überrascht drehte sich Neil zu seinem Nachbarn um. Es war ein Mann um die dreißig mit rundem Gesicht, das zu seinem definitiv runden Körper passte, und Neil schaute ihn sich ein bisschen genauer an. »Und warum ist das so?«, fragte er dann.
»Ach, es gibt irgendeine alte Urkunde mit dieser Bestimmung – und außerdem darf das Bier nur in einem uralten russischen Teakholzmaischefass gebraut werden, das sie dafür haben.«
»Und wo genau ist das?«, fragte Neil nach.
»Irgendwo in Kent, glaube ich, aber ganz genau weiß ich das auch nicht. Ich erinnere mich nur, dass ich das mal irgendwo gelesen habe. Wenn ich irgendwo einen Artikel über Bier entdecke, lese ich ihn mir immer durch.«
»Sie mögen Bier, was?«
Der Mann hob seinen halb vollen Humpen mit einem geradezu verliebten Blick an und sagte: »Wenn es richtiges Bier ist, dann auf jeden Fall.« Dann tätschelte er liebevoll seinen Bauch und fügte hinzu: »Es hat aus mir den Mann gemacht, der ich bin – Graham Paterson übrigens – tagsüber Leiter des Fachbereichs Mathematik an der Oberschule Dunbridge und abends geselliger Biertrinker.«
Lachend reichte Neil Graham die Hand.
»Ich bin Neil Fisher, Vikar.«
»Das ist ein Scherz, oder?«
»Nein, ich bin der neue Vikar von St. Stephen's.«
»Na ja, wahrscheinlich weiß ich als alter Heide davon nichts.«
»Kein echter Bier-Liebhaber kann jemals ein absoluter Heide sein«, sagte Neil grinsend. »Sie mögen nicht zufällig auch Bratwürstchen und Kartoffelbrei, oder?«
»Ich liebe es!«, antwortete Graham. »Und die Würstchen sind richtig gut hier.«
»Da bin ich aber froh. Ich habe nämlich gerade bestellt.«
»Eine gute Wahl. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass ein Vikar auswärts essen muss. Habt ihr nicht immer irgendwelche Damen in der Gemeinde, die euch unbedingt bekochen wollen?«
»Das Glück habe ich leider nicht – jedenfalls noch nicht. Heute ist erst mein erster Arbeitstag als Vikar hier.«
»Anscheinend ein ziemlich schwerer, was?«
»Das kann man wohl sagen.«
»Fangen Sie schon an zu glauben, dass Sie sich den falschen Job ausgesucht haben?«
»Nein, der Job ist absolut in Ordnung – jedenfalls wird er das sein. Es ist heute nur alles ein bisschen viel gewesen, so viele neue Menschen und so viele Informationen, was hier in Dunbridge so los ist.«
»Das ist gar nicht so viel, glauben Sie mir. Damit werden Sie auf jeden Fall fertig.«
»Wie lange leben Sie denn schon hier?«
»Schon immer. Ich bin zur Lehrerausbildung nach Brighton gegangen – was toll war wegen des guten Bieres dort –, aber danach bin ich wieder zurückgekommen und habe da weitergemacht, wo ich aufgehört hatte. Ich esse meinen Sonntagsbraten immer noch zu Hause bei Muttern, und inzwischen unterrichte ich sogar an der Schule, auf die ich früher selbst gegangen bin. Auch da hat sich so gut wie nichts verändert, außer dass es jetzt keine reine Jungenschule mehr ist, und die kleinen Quälgeister jetzt wenigstens Mädchen haben, die Ihre Phantasie so anheizen, dass sie förmlich sabbern im Unterricht.«
»Ich glaube, dass ich irgendwann in den kommenden Wochen bei Ihnen in der Schule eine Versammlung abhalte.«
Graham zog eine Augenbraue hoch.
»Sie haben aber eine Panzerweste, oder?«
»Ach, sagen Sie doch nicht so was! Mir macht ja schon der Gedanke Angst, überhaupt öffentlich zu sprechen, aber vor einer ganzen Schule voller Teenager, das ist wirklich ein Alptraum für mich.«
»Aber Sie sind doch Vikar. Sie müssen doch andauernd Predigten halten und Beerdigungen und solche Sachen. Gehört das Reden vor Menschen nicht zu Ihrem Job?«
»Doch, leider.«
Graham stellte seinen Bierhumpen vorsichtig auf den Tresen und schaute Neil eine ganze Weile einfach nur an.
»Aber warum wird man denn dann Pfarrer?«
»Es ist eine Berufung. Ich fühle mich ganz einfach dazu berufen.«
Wieder zog Graham fragend die Augenbrauen hoch.
»Von Gott«, fuhr Neil fort. »Ich fühlte mich von Gott berufen, in der Kirche zu arbeiten.«
»Und wie hat er Sie berufen? Was genau hat er gesagt?«
»Das war kein direktes Gespräch, und ich hatte auch keine Vision oder so etwas. Es war einfach ein Gefühl, das in mir hochkam – eigentlich sogar eher eine Gewissheit, dass ich dazu gedacht bin, dass es das ist, was ich tun soll.«
Graham starrte Neil noch ein, zwei Sekunden länger neugierig an, bevor er sich wieder seinem Bier zuwandte.
»Wird es denn wenigstens gut bezahlt?«
»Nein, eher nicht. Aber ich habe ein eigenes Haus solange ich hier bin.«
Graham grinste. »Na, das ist ja schon mal was. Und es heißt ja auch, dass die Frauen Männer in Uniform lieben. Wo ist denn übrigens Ihre Uniform? Müssen Sie den Kragen nicht immer tragen, damit wir anderen wissen, dass wir aufpassen müssen, was wir sagen?«
Neil gluckste. »Mein Kragen hat heute ein bisschen gescheuert. Ich war froh, als ich wieder in Zivil war.«
»Ist es denn wirklich so, dass die Leute mit Ihnen über ihre Probleme reden wollen, wenn Sie den Kragen tragen? So wie manche Leute auch ständig über ihre Krankheiten reden wollen, wenn sie wissen, dass jemand Arzt ist …«
»Wenn das passiert, dann finde ich es wirklich gut, weil nämlich einer der Hauptgründe, weshalb ich überhaupt Pfarrer werden wollte, der ist, anderen in ihren Sorgen und Problemen beizustehen.«
Graham schnaubte, als er den Bierhumpen hob, um einen tiefen Schluck daraus zu trinken.
»Ich habe bisher noch nie ein Problem gehabt, das mir nicht nach ein zwei großen Bieren schon viel kleiner vorgekommen wäre«, sagte er und setzte den Humpen mit einem Knall wieder auf der Bar ab. »Auch eine Runde Darts hilft meistens. Lust auf ein Spielchen, bevor Ihr Essen kommt?«
»Aber ich warne Sie«, sagte Neil lachend und schob die Ärmel seines Sweatshirts hoch, »ich war im Theologiestudium unangefochtener Darts-Champion.«
»Und ich muss Sie warnen, dass ich mir nicht zu schade bin, auch ein wenig zu schummeln, wenn ich Angst bekomme zu verlieren!«, entgegnete Graham. »Möge der Kampf beginnen.«
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