
Ein kleines Stückchen Seligkeit
Einen kurzen, hoffnungsvollen Moment lang hatte er geglaubt, jemanden an der Tür gehört zu haben, aber genau zu dem Zeitpunkt war er in der Sakristei gewesen und hatte sich dort die Papiere auf dem Schreibtisch und die Bücher in den Regalen angeschaut, um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte gerade ein Gesangbuch aufgeschlagen in der Hoffnung, dass vielleicht eine Strophe von »Großer Gott wir loben dich« seine Stimmung ein bisschen heben würde, da war ihm gewesen, als hätte er etwas gehört – vielleicht Schritte; und war da nicht auch eine Stimme gewesen, die seinen Namen gerufen hatte? Er war ins Hauptschiff gerannt und den Mittelgang entlang nach hinten zur Eingangstür, hatte gerufen, so laut er konnte, und dann so fest er konnte mit den Fäusten gegen die schwere alte Tür gehämmert, die ihn gefangen hielt und sich keinen Millimeter bewegte – aber nichts. Keine erleichterte Stimme von draußen, niemand, der die Tür geöffnet hätte. Gar nichts!
Vor lauter Frust ganz erschöpft, war Neil zurück Richtung Altarraum gewankt und hatte sich an das alte steinerne Taufbecken gelehnt. Wie konnte es sein, dass sie ihn gar nicht vermissten? Wo war Margaret? Wunderte sich Frank denn gar nicht, dass er noch nicht wieder zurück war?
Was hatte Margaret noch gleich über die Tür gesagt? Dass sie klemmte? Dass sie nur schwer wieder aufzubekommen war? Neil ließ sich in die hinterste Bankreihe fallen, entnervt und erschöpft von einem weiteren erfolglosen Versuch, die Tür durch Zerren, Betteln, Drücken und sogar Treten aufzubekommen. Sie gab keinen Millimeter nach.
Er schlug die Hände vors Gesicht, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und verstand einfach nicht, wieso niemand kam und nach ihm suchte. Konnten das Margaret oder Frank gewesen sein, die er vorhin zu hören geglaubt hatte? Dachten sie vielleicht, dass er einfach wieder abgefahren war, ohne sich auch nur zu verabschieden? Sie mussten doch seinen Aktenkoffer in der Küche entdeckt haben. Ihm kam der Anblick der Küche wieder in den Sinn mit all den Stapeln und Haufen von Sachen auf jeder nur denkbar freien Fläche. Er hatte seinen Aktenkoffer hinter den Hocker gestellt, auf dem er gesessen hatte. Ob sie ihn dort überhaupt entdecken würden? Doch – sie würden ihn sicher finden! Allerdings fragte er sich auch mit leicht gerunzelter Stirn, ob sie in dem Durcheinander dort überhaupt jemals etwas fanden.
Aber da war ja auch noch sein Wagen! Er stöhnte laut auf, als ihm klar wurde, dass er den ja ein Stück weiter die Straße hinauf geparkt hatte, um nicht die Einfahrt zum Pfarrhaus zu blockieren. Margaret und Frank wussten also gar nicht, dass der Wagen, der dort abgestellt war, ihm gehörte, und deshalb würde er ihnen wahrscheinlich auch nicht weiter auffallen.
Wann wohl die Kirche das nächste Mal wieder für eine Veranstaltung geöffnet werden würde? Vielleicht zur Abendandacht? Allerdings fielen in kleinen Gemeinden wie dieser mit nur einem hauptamtlichen Pfarrer die Andachten auch oft aus, weil der Pfarrer zu den festgesetzten Zeiten andere Termine hatte. Margaret war an diesem Tag den ganzen Nachmittag mit der Beerdigung des Wellensittichs beschäftigt. Wie lange es wohl dauern würde? Ob sie heute wohl noch Zeit für die Abendandacht haben würde?
Plötzlich bemerkte Neil ein tiefes, grummelndes Geräusch, das bei genauerem Hinhören von seinem Magen kam. Er war kein Mensch, der einfach Mahlzeiten auslassen konnte, ohne es zu merken. Sehnsuchtsvoll erinnerte er sich an das gekochte Ei und den Toast, die er morgens um acht verzehrt hatte. Als er jetzt auf seine Uhr schaute, stellte er fest, dass er mittlerweile seit beinah vier Stunden in der Kirche festsaß. Kein Wunder, dass sich sein Magen beschwerte. Er brauchte etwas zu essen, und zwar sofort! Wie ein Fuchs auf nächtlichem Beutezug beschloss Neil, jeden Winkel der Kirche nach etwas Essbarem abzusuchen. Es musste hier doch irgendwo ein paar Kekse geben! Schließlich wurden in jeder Gemeinde nach dem Gottesdienst Tee und Plätzchen angeboten!
Und so machte er sich wieder auf den Weg zur Sakristei – ein Mann mit einer Mission.
***
Es war schon nach sechs, als Frank Margarets Schlüssel im Schloss hörte.
»Melde Vollzug«, sagte sie grinsend. »Poppet hat doch noch einen sehr schönen stillen Abschied und ein würdevolles Begräbnis bekommen. Wir haben in Violets Wohnung ›Geh aus mein Herz … ‹ gesungen, und ich habe ein paar Worte gesagt, dann sind wir schnell nach unten in den Park geflitzt und haben den Frevel begangen, als der Verwaltungsmensch Feierabend hatte und uns deshalb nicht dabei sehen konnte.«
»Gut gemacht, meine Liebe. Ich wusste doch, dass dir etwas einfallen würde.«
»Immer noch kein Lebenszeichen von Neil?«
»Nein, nichts.«
»Merkwürdig.«
»Ja, das finde ich auch.«
»Kommt dieser verführerische Duft von den Koteletts?«
»Mit Backäpfeln, genauso, wie du sie magst.«
»Und mit Bratkartoffeln?«
»Womit denn sonst?«
»Ich bin am Verhungern! Gib mir fünf Minuten, um mich ein bisschen zu sammeln, dann komme ich und decke den Tisch.«
»Wie wäre es denn mit dem ganz besonderen Vergnügen, auf dem Sofa vor dem Fernseher zu essen?«, schlug Frank vor. »Dann können wir dabei die Nachrichten schauen.«
»Perfekt«, stimmte Margaret zu und war schon unterwegs nach oben.
Ein paar Minuten später kam sie wieder in die Küche, wo Frank gerade ein letztes Mal die Soße abschmeckte und umrührte. Beim Duft der Äpfel und Koteletts, die Frank auf zwei Tellern anrichtete, lief Margaret das Wasser im Mund zusammen, aber als sie nach den Tabletts griff, die auf dem Fußboden neben der Kommode standen, hielt sie plötzlich verblüfft inne und sagte: »Sieh doch mal, Frank!«
Als er tat, was sie sagte, wurden seine Augen ganz groß vor Schreck.
»Neils Aktenkoffer! Er hat ihn hiergelassen!«
»Aber warum ist er nicht noch einmal hergekommen, um ihn zu holen?«, fragte Margaret.
»Vielleicht hat er es einfach vergessen.«
Ein paar Sekunden lang starrten sie einander nur an und hatten dabei offenbar den gleichen Gedanken.
»Oder«, sagte Margaret langsam, »er ist noch gar nicht weg.«
»Aber in der Kirche kann er nicht sein … da war ich nämlich. Ich habe gerufen, und es kam keine Antwort.«
»Hast du denn auch in der Sakristei nachgesehen?«
»Nein, was hätte er denn da zu suchen gehabt?«
»Na, vielleicht ist ihm kalt geworden oder langweilig, oder er musste zur Toilette. Er kann aber nicht mehr in der Kirche sein, Frank, oder?«
»Diese vermaledeite Tür!«
Und mit diesen Worten stürzten sie gleichzeitig aus der Küche und den Gartenweg hinunter. Als sie über den Friedhof zur Kirche rannten, entdeckte Frank das Licht.
»Das habe ich ganz sicher nicht angelassen!«, rief Margaret. »Das muss er angemacht haben.«
Innerhalb von Sekunden waren sie an dem großen Portal, und Frank griff nach dem Eisenring, mit dem der Riegel der uralten Tür geöffnet wurde. Seltsamerweise funktionierte das von außen tadellos, aber von innen musste man genau den richtigen Dreh heraushaben. Warum um Himmels willen hatte sie Neil das nicht besser erklärt?
Sie stürzten praktisch gleichzeitig durch das alte Portal in die Kirche, aber ihr Rufen traf auf absolute Stille. Neil war nirgends zu sehen. Es brannte zwar ein kleines Licht, aber die Kirche war leer.
»Vielleicht ist er ja in der Sakristei«, meinte Frank. »Ich geh und schau nach.«
»Frank«, sagte Margaret jetzt nur noch flüsternd. »Was ist das für ein Geräusch?«
Frank blieb stehen, legte den Kopf ein bisschen schräg und horchte intensiv.
»Was auch immer es ist, es kommt von irgendwo hier drinnen«, sagte Frank und schaute sich im Kirchenschiff um. »Ich glaube, von da vorne.«
»Sei vorsichtig, Schatz. Vielleicht ist er es ja gar nicht.«
Frank legte seinen Zeigefinger auf die Lippen als Zeichen, dass sie sich ruhig verhalten sollte, ging dann auf Zehenspitzen den Mittelgang entlang nach vorne und blieb abrupt stehen, als er auf Höhe der zweiten Bankreihe angelangt war. Schweigend bewegte er sich daran entlang und beugte sich irgendwann vor, um auf die Sitzfläche vor sich zu schauen.
Dann drehte er sich zu ihr um und sagte lächelnd: »Komm mal her und schau dir das an!«
Was sie sah, als sie kurz darauf neben ihm stand, brachte auch sie zum Lächeln, denn sie schauten hinunter auf den friedlich schlummernden Neil, der lang ausgestreckt auf der Bank lag, den Kopf auf einen Betschemel gebettet, und mit halb offenem Mund laut schnarchte. Auf dem Fußboden unter ihm lag eine offene Schachtel mit Abendmahlsoblaten – oder jedenfalls dem, was davon noch übrig war – und auch den Abendmahlswein hatte er anscheinend gefunden denn der Silberkelch, den sie im Sonntagsgottesdienst benutzten, und in dem nur noch ein letzter kleiner Schluck eben den Boden bedeckte, stand neben seinem herunterbaumelnden Arm.
»Verhungert ist er jedenfalls nicht«, sagte Frank. »Das ist ja schon mal beruhigend.«
Beim Geräusch ihrer Stimmen öffnete Neil ruckartig die Augen, und für einen kurzen Moment war deutlich zu merken, dass er nicht mehr wusste, wo er war.
»Also dann«, sagte Margaret in ihrem nüchternen Ton, den er später noch so gut kennenlernen sollte. »Es gibt Schweinekoteletts zum Abendessen. Kommen Sie?«
ZWEI
»Ich bin schließlich deine Mutter, Neil. Ich weiß das!«
Durch den Bluetooth-Ohrhörer, den Neil während der Fahrt benutzte, war Iris Fishers Stimme nicht ganz so penetrant. Er war trotzdem versucht, zusätzlich die Lautstärke herunterzudrehen, aber jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass, wenn er auch nur eine einzige, scheinbar noch so unwichtige Einzelheit aus den täglichen Monologen seiner Mutter verpasste, sie noch monatelang darauf herumhacken würde, wenn sie es merkte.
»Du bist immer so voreilig.« Sie war jetzt richtig in Fahrt. »Nie lässt du dir die Zeit, deine Alternativen zu bedenken – und du siehst ja, wohin das dieses Mal geführt hat! Wer hat denn schon jemals von einem entlegenen Kaff namens Dumbridge gehört?«
»Es heißt Dunbridge, Mutter, und es ist ganz und gar nicht entlegen, sondern nur anderthalb Kilometer von der A1 entfernt und deshalb auch gut ausgeschildert.«
»An der Straße nach jwd, und das ist genau die Straße, auf der du auch gerade unterwegs bist. Also ehrlich, Neil, werd' endlich erwachsen. Ein Posten als Vikar in einem Ort, den kein Mensch kennt …?«
»Vielleicht kennst du ihn nicht, aber es gibt viele, die ihn sehr wohl kennen – zum Beispiel die sechstausend Menschen, die dort wohnen.«
»Was kann denn das schon für eine Gemeinde sein in einem so entlegenen Nest? Wie willst du es da jemals schaffen, an höherer Stelle auf dich aufmerksam zu machen? Hast du denn gar keinen Ehrgeiz weiterzukommen? Wenn du in so einem Provinznest anfängst, dann bleibst du da hängen, lass dir das von mir gesagt sein!«
Neils Fingerknöchel waren schon ganz weiß, so fest umklammerte er das Lenkrad, und er merkte, wie er ganz langsam und lange ausatmete. Iris dagegen holte anscheinend überhaupt nicht Luft.
»Und noch etwas. Meinst du, das hätte sich dein Vater für dich vorgestellt? Hast du daran schon mal gedacht? Er war ein Mann mit Format und hatte etwas erreicht, als er in den Ruhestand ging – Seniorpartner bei Hewitt, Manley und Fisher war er. Was würde er wohl davon halten, wenn sein einziger Sohn sich sämtliche Chancen verbaut, um ausgerechnet Pfarrer zu werden?«
»Also ich glaube, es hätte ihm ganz gut gefallen …«
»Die Vorstellung, dass sein Sohn – in welcher Form auch immer – unter seinen Möglichkeiten bleibt, hätte ihm ganz und gar nicht gefallen. Und dabei hättest du dich für so vielversprechende, viel eindrucksvollere Berufe entscheiden können, Neil. Berufe, in denen du Karriere machen könntest und die deiner würdig wären, und deines Vaters – und meiner.«
»Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, Mutter, und ich kann mir schon ganz gut selbst Gedanken machen …«
»Dann tu das doch gefälligst auch mal, Neil! Sieh endlich ein, dass diese Schnapsidee, Pfarrer zu werden, ja vielleicht ganz lustig ist, aber unsinnig – und der Gedanke, dass du in irgendeinem Provinznest namens Dumbridge versauerst, ist doch lächerlich.«
»Es heißt Dunbridge, Mutter – und außerdem ist die Entscheidung schon gefallen. Ich sitze in meinem vollgepackten Wagen und bin schon fast da. In ein paar Minuten bin ich bei meinem neuen Haus.«
»Dann halt an, Neil, halte sofort an! Kehr um, komm nach Hause und lass mich eine schöne Stelle als Steuerberater für dich organisieren. Das hätte sich auch dein Vater gewünscht.«
»Entschuldige, Mutter, aber die Verbindung ist gerade ganz schlecht. Ich rufe dich morgen wieder an.«
Eine kleine Notlüge, ein schnelles Gebet um Vergebung, und Neil schaltete mit einem Seufzer der Verzweiflung sein Handy ab. Das Gespräch – so man es denn überhaupt so bezeichnen konnte – das er gerade mit seiner Mutter geführt hatte, war wie eine Endlosschleife, die sie unablässig spielte seit dem Moment vor vier Jahren, als er ihr zum ersten Mal von seinem Entschluss erzählt hatte, seiner Berufung zu folgen und Pfarrer zu werden. Trotz des eindringlichen, tränenreichen, manchmal boshaften und oft herzerweichenden Widerstandes seiner Mutter hatte er sich für die Ausbildung zum Gemeindepfarrer entschieden und sich nach dem Studium um eine Vikarstelle beworben. Doch sie hatte trotzdem weiter so heftig argumentiert, gezetert, gebettelt und geschluchzt – dass es ihr körperlich wirklich sehr zusetzte und sie Neil versicherte, dass es auf jeden Fall seine Schuld sei, wenn sie stürbe (was, wie sie behauptete, unmittelbar bevorstand). Doch er war standhaft geblieben – und sie am Leben. Er brachte Bewerbungsgespräch um Bewerbungsgespräch hinter sich bis zu dem wundervollen Tag, an dem er die Nachricht bekommen hatte, dass er für die praktische Ausbildung in der Gemeinde angenommen worden sei. Er war begeistert und überwältigt von dem Gefühl, jetzt endlich seiner Bestimmung gerecht zu werden. Seine Mutter war untröstlich gewesen und hatte dann beschlossen, die Schweigestrategie zum Einsatz zu bringen, und zwar drei volle Tage lang – was Neil allerdings, ehrlich gesagt, wie ein Gottesgeschenk vorgekommen war. Er wusste, dass er seiner Berufung folgen und bei seinem Entschluss bleiben musste, und deshalb konnte ihn auch ihr geballter Widerstand nicht aufhalten.
Ja, und da saß er jetzt also in seinem bis zum Dach vollgepackten Wagen, und St. Stephen's schaute von der Stirnseite des Marktplatzes auf ihn herab. Seine Stimmung verbesserte sich zusehends, und er hielt kurz an, um die Kulisse vor sich ganz bewusst aufzunehmen. Wahrscheinlich hatte sich der Charakter dieses Platzes seit Jahrhunderten nicht wesentlich verändert. Es gab zwar an den Straßen um den Marktplatz moderne Läden mit den bekannten Logos, die es in den Hauptstraßen der Städte im ganzen Land gab, aber sie befanden sich zwischen eher traditionellen Geschäften, die aussahen, als befänden sie sich schon seit Generationen dort. Es gab auf der einen Seite des Marktplatzes eine Pferdetränke und auf der anderen eine Postkutschenstation – beides erinnerte an Zeiten, als die Menschen noch mit Pferdekutschen und nicht mit Autos unterwegs waren. Bei seiner Ankunft herrschte emsiges Treiben auf dem Marktplatz, und viele Menschen saßen an Tischen in der Mitte des Platzes im Freien und tranken Kaffee. Alles kam ihm so gesetzt und behaglich vor, und er spürte instinktiv, dass er sich hier zu Hause fühlen würde. Mit diesem Gefühl startete er seinen Wagen wieder, fuhr weiter am Marktplatz entlang hinauf zur Kirche und bog dann rechts ab, wo er das Anwesen fand, das künftig sein Zuhause sein würde. Seine Adresse war Pfarrgarten 96. Wie passend für einen frisch gebackenen Vikar.
Von dem Haus hatte er noch an jenem schönen Abend erfahren, den er nach dem peinlichen »Kirchentürzwischenfall« schließlich doch noch bei Schweinekoteletts und Bratkartoffeln mit Margaret und Frank verbracht hatte. Eine Woche später hatten Margaret und er sich dann noch einmal für einen Tag getroffen, um alle möglichen Details seiner Arbeit zu klären, zum Beispiel, wo genau er wohnen würde, welche Aufgaben er übernehmen sollte und wie seine weitere Ausbildung organisiert sein würde. Sein Kopf war so voll gewesen mit Fakten, Namen, Terminen und Orten, dass selbst die Notizen, die er sich gemacht hatte, ein einziges Durcheinander gewesen waren. Es gab so viel zu erfahren, zu bedenken und sich zu merken. Doch immer eins nach dem anderen! Zum x-ten Mal griff er jetzt in seine Tasche, um sich zu vergewissern, dass der Schlüssel noch da war, den er ein paar Tage zuvor mit der Post bekommen hatte. Er hatte in einem Briefumschlag gesteckt, zusammen mit einer Karte, die unterschrieben war mit »Peter Fellowes, 1. Vorsitzender des Kirchenvorstandes«. So weit, so gut!
Als er in den Pfarrgarten einbog, war er vom ersten Eindruck der Nummer 96 angenehm überrascht. Es war ein relativ neues, frei stehendes Haus, vermutlich aus den 80er Jahren, schätzte er, denn dem mit Sträuchern und Bäumen bepflanzten Garten um das Haus herum war anzusehen, dass er nicht frisch angelegt war. Über dem großen Erkerfenster an der Frontseite des Hauses befanden sich im Obergeschoss zwei weitere Fenster, die vermutlich zu den Schlafzimmern gehörten. Neil musste plötzlich lächeln, als er feststellte, dass die Haustür in einem dunklen Purpur gestrichen war, fast exakt dem Farbton einer Bischofsrobe. Das würde seiner Mutter mit Sicherheit gefallen. Sie würde es als Zeichen werten, dass ihrem einzigen Sohn noch Großes bevorstand.
Die Straße vor dem Haus war ziemlich schmal, und weil er wusste, dass er einiges aus dem Wagen auszuladen hatte, parkte Neil auf dem Grünstreifen direkt vor dem Haus. Doch zunächst einmal lud er noch nichts aus, sondern stieg aus und ging durch den Garten zur Haustür.
Diesen Moment muss ich richtig auskosten, dachte er. Das hier ist ein bedeutendes Ereignis.
»Hallo, Sie da, ist das Ihr Auto?«
Neil drehte sich um und sah einen alten Mann in Hausschuhen vor der Haustür des Nachbarhauses, der ihn wütend anstarrte. Überrascht und erschrocken über die feindselige Haltung des Mannes erinnerte er sich rasch an das Gebot »Liebe deinen Nächsten«, bevor er sein nettestes Lächeln aufsetzte, auf den Zaun zwischen den beiden Grundstücken zuging und seine Hand ausstreckte, um den neuen Nachbarn zu begrüßen.
»Freut mich, Sie kennenzulernen!«, sagte Neil. »Ich bin Ihr neuer Nachbar. Gut, dass wir uns so schnell kennenlernen. Ich bin Vikar Neil …«
»Es ist mir schnurzegal, wer Sie sind!«, sagte der Mann. »Sie können jedenfalls den Wagen da nicht stehen lassen, also weg damit!«
Ein bisschen verunsichert warf Neil einen Blick auf das angeblich falsch abgestellte Fahrzeug und sagte dann: »Ich parke den Wagen woanders, so schnell es geht, aber ich muss erst noch ein paar schwere Sachen …«
»Sofort! Sofort weg damit! Sie ruinieren ja den ganzen Grünstreifen!«
»Ach ja?«, stotterte Neil. »Na ja, wenn das so ist, können Sie mir ja vielleicht sagen, wo mein Parkplatz ist.«
»Sie haben keinen!«
Neil schaute auf der ziemlich ruhigen und leeren Straße erst nach rechts und dann nach links und wandte sich dann wieder an den Mann.
»Anscheinend gibt es ja genügend Parkplätze. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass der freie Platz vor meinem Haus auch mein Parkplatz ist.«
»Nein, das ist meiner.«
»Gut«, entgegnete Neil mit einem Nicken, war allerdings immer noch ein bisschen irritiert beim Anblick des alten Volvos, der in der Nähe parkte. »Und wem gehört dann das Auto dort vor Ihrem Haus?«
»Das ist auch meins.«
»Dann haben Sie also zwei Parkplätze?«
»Nein, ich habe einen Parkplatz – und den Grünstreifen.«
»Auf dem Sie ebenfalls parken …?«
»Nein!«, kam umgehend die verächtliche Antwort. »Nur Idioten parken auf Grünstreifen!«
»Ach so, dann kümmern Sie sich also um den Grünstreifen vor dem Haus?«
»Ich kümmere mich um diesen hier und den da und um die die ganze Straße hinunter.« Dabei gestikulierte der Mann wild mit den Armen, um all die Grünstreifen beiderseits der Straße zu erfassen. »Die Straße heißt schließlich Pfarrgarten und nicht Pfarrparkplatz! In Gärten wächst Grün, und ein Grünstreifen ist kein Parkplatz. So, und jetzt machen Sie schon! Wirdś bald?«
»Tja, hmmm …« Neil sah sich um und überlegte ein bisschen beklommen, wo er jetzt seinen Wagen abstellen sollte, ohne für Ärger zu sorgen, aber auch so nah an seiner neuen Bleibe, dass er seine etwas schwereren Habseligkeiten ohne allzu viel Mühe aus dem Wagen ins Haus tragen konnte.
»Alf!«, war eine Frauenstimme durch die offene Haustür des Nachbarhauses bis hinaus in den Garten zu hören. »Sie machen doch nicht etwa dem neuen Vikar schon jetzt das Leben schwer, oder?«
Eine zierliche Frau mittleren Alters tauchte in der Haustür auf und kam dann zügig auf die beiden Männer zu.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich muss mich wirklich entschuldigen. Was für eine schreckliche Begrüßung für Sie!«
»Ach, das macht doch nichts«, antwortete Neil erleichtert. »Ich bin Neil Fisher, der neue Vikar.«
»Und ich bin Maureen Allen, Alfs Betreuerin vom Pflegedienst. Ich komme zwei Mal am Tag, um ihn zu versorgen – aber er ist mir entwischt, als ich ganz kurz nicht aufgepasst habe. Ich hoffe, er hat Sie nicht schon herumkommandiert, bevor sie auch nur Ihre Haustür aufgeschlossen haben.«
»Ach nein! Er hat mir nur ein paar hilfreiche Tipps gegeben.«
Maureens Stimme war streng, als sie sich an den alten Herrn wandte und sagte:
»Sie haben sich mal wieder als Herr über die Grünstreifen aufgespielt, stimmtś, Alf?«
Alfs Miene nahm einen Ausdruck kummervollen Ärgers an.
»So, und jetzt kommen Sie wieder ins Haus, Sie verrückter alter Knabe. Ich habe Ihnen Ihren Tee gemacht – und wie wäre es mit einem Stück von Ihrem Lieblingskuchen dazu?«
Diesem Vorschlag konnte Alf allem Anschein nach denn doch nicht widerstehen, denn er machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück ins Haus.
»Und was ist mit Ihnen, Herr Pfarrer? Möchten Sie vielleicht auch einen Tee und ein Stück Kuchen?«
»Vielen Dank, das ist sehr freundlich, aber jetzt lieber nicht«, antwortete Neil lächelnd. »Bleibt allerdings immer noch die Frage, wo ich meinen Wagen abstellen kann.«
»Genau da, wo er jetzt steht. Ignorieren Sie ihn einfach. Tschüss, Herr Pfarrer.«
Und mit diesen Worten verschwand Maureen wieder im Haus und schloss die Tür von innen. Neil setzte den kurzen Weg zu seiner eigenen Haustür fort, und mit einem Gefühl tiefer Befriedigung darüber, etwas geleistet zu haben, steckte er den Schlüssel ins Schloss der Tür zu seinem neuen Zuhause und zu einem ganz neuen Leben.
Was ihm als Erstes auffiel, war der helle Flur, in den durch ein Seitenfenster auf halber Höhe der Treppe Sonnenlicht fiel. Das Haus roch nach frischer Farbe und Putzmittel mit Zitronenduft. Hier war seinetwegen eindeutig schwer geschuftet worden, eine Vorstellung, die ihn rührte und ihm das Gefühl gab, wirklich willkommen zu sein.
Von dem hellen Flur aus gelangte er in ein großes, schönes Wohnzimmer, das durch einen halbrunden Durchgang unterteilt war in einen Wohnbereich, der zur Straße hinausging, und einen Essbereich mit bodentiefen Fenstern zum Garten hinaus. An der linken Esszimmerwand befand sich eine Durchreiche, durch die Neil in die mittelgroße, gut ausgestattete Küche schaute.
Als er wieder im Flur war, um von dort aus in die Küche zu gehen und sie sich ein bisschen genauer anzusehen, entdeckte er eine Tür unter der Treppe, von der er glaubte, es könnte sich vielleicht eine Gästetoilette dahinter befinden, aber stattdessen fand sich dort eine Sammlung praktischer Gegenstände, wie zum Beispiel ein Staubsauger, ein Mopp, ein Eimer und ein Wäscheständer. Die Leute aus der Gemeinde hatten anscheinend wirklich an alles gedacht. Es war überall picobello sauber und aufgeräumt, und an einer Hakenleiste in der Küche hingen sogar gestärkte und frisch gebügelte Geschirrhandtücher. Es war eine Besteckschublade vorhanden, in der in ordentlichen Reihen Messer, Gabeln und Löffel lagen, und im Schrank standen Müslischalen, Essteller, Servierschüsseln- und platten, blank polierte Gläser und bunte Eierbecher.
Sogar eine blühende Topfpflanze stand auf der Fensterbank, an der eine Karte mit der Aufschrift »Herzlich willkommen!« lehnte.